Wo hast du wieder die Zahnpasta versteckt?

 Selbsterforschung mit der Transaktionsanalyse

Der amerikanische Psychiater Eric Berne entwickelte Mitte des 20. Jahrhunderts eine Theorie der Ich-Zustände, die Transaktionsanalyse (TA). Er hatte bei seinen Sitzungen beobachtet, dass seine Klienten zeitweise in verschiedene Ausdrucksformen von Mimik, Gestik und Sprache wechselten. Neben einer sachlichen und überlegten Art und Weise die Dinge zu schildern, hatte er zwei weitere Formen wahrgenommen. Diese Zustände ähneln einerseits an die Ausdruckformen von Kindern und andererseits an die von Eltern und Erziehern. Aufgrund dieser Beobachtungen entwickelter er eine Theorie, nach der es drei unterschiedliche psychologische Ich-Zustände im Menschen gibt.

Eine Form, die sehr an Eltern und Erzieher erinnert, wird in der TA Eltern-Ich (EL) bezeichnet. Im EL ist das in der Kindheit von Eltern, Elternvertretern und anderen Autoritätspersonen übernommene Denken, Fühlen und Handeln enthalten. Direktiven dieser Personen geben dem Kind Vorbild, Halt und Orientierung. Eine andere Form, die an Kinder erinnert, ist das Kind-Ich (KI). Darin sind alle Reaktionen, die man als Kind auf die Anforderungen seiner Umwelt zeigte, enthalten. Es handelt sich um Gefühle, Überzeugungen und Verhaltensmuster, die man etwa bis zum siebten Lebensjahr entwickelte. Die dritte Form ist das Erwachsenen-Ich (ER). Das ER entwickelt sich seit der Kindheit und im Laufe des Lebens immer weiter. Im ER sammelt man Informationen, registriert die Fakten und reagiert rational auf die jeweiligen Situationen. Das ER zeichnet sich durch einen Gegenwartsbezug aus. Jeder Mensch verfügt über alle drei Ich-Formen. In bestimmten Situationen werden diese mehr oder weniger aktiviert.

Im Eltern-Ich agierend könnte man sich wie Eltern und Erzieher verhalten und dabei haltgebend, hilfsbereit, fürsorglich, aber auch bevormundend, bewertend oder kritisch erscheinen. Dagegen wirkt man im Kind-Ich eher kindlich neugierig, kreativ, brav, sensibel und angepasst, aber auch mitunter eigensinnig, stur und trotzig. Ist das Verhalten mehr durch das Erwachsenen-Ich gesteuert, wirkt man offen, herzlich, sachlich und bestimmt, aber vielleicht manchmal etwas kühl und distanziert. Man könne diese drei Ich-Formen so interpretieren, dass jeder Mensch in seiner Psyche ein inneres Kind, die inneren Eltern (und Elternvertreter) und einen inneren Erwachsenen enthält.

Probleme können entstehen, wenn man in Situationen gerät, die an vergangene (Konflikt-) Konstellationen aus der Kindheit erinnern. Dann bewertet man die Dinge weniger aus der Erwachsenenposition, also sachlich und nüchtern, sondern vielmehr aus der Sicht früher gemachter Erfahrungen. Anstatt auf erwachsene Art und Weise zu antworten, entwickelt man Gefühle, wie man sie als Kind bei Konflikten mit seinen Eltern, Erziehern, Lehrern und anderen Autoritätspersonen hatte. Oder man agiert infolge der Vorbildwirkung, so wie man es von den Autoritätspersonen abschaute. Viele dieser Gefühle und Verhaltensweisen hatten sich früher einmal bewährt, passen aber vielleicht gerade weniger zur aktuellen Situation. Die Reaktionen sind deshalb zu wenig gegenwartsadäquat und die Ergebnisse fallen oft unbefriedigend aus.

Wenn in der Kommunikation verschiedene Ich-Zustände beteiligt sind und man daher auf verschiedenen Ebenen miteinander kommuniziert, sind Missverständnisse vorprogrammiert. Einer der beiden Kommunikationspartner fühlt sich herabgesetzt und dass ist keine gute Voraussetzung für eine reibungslose Verständigung. Auf die einfache Frage „Wie spät ist es?“ könnte man in der Erwachsenenposition mit der genauen Uhrzeit antworten. Eine Antwort aus der Elternrolle könnte dagegen mit einem anklagenden Unterton und einer Gegenfrage lauten: „Hast du schon wieder deine Uhr vergessen?“ Man sieht den Fragenden aus der Elternposition als Kind was offenbar laufend seine Uhr verbummelt. Mit der Haltung eines Kindes könnte man sich provoziert fühlen und trotzig mit einer falschen Uhrzeit antworten.

Man könnte aus der Elternposition vorwurfsvoll seinen Partner fragen: „Wo hast du wieder die Zahnpasta versteckt?“ Diese Aussage unterstellt mit dem „wieder“ einen stetigen Mangel an Ordnung und mit dem „verstecken“ eine Art Trotz, wie er oft bei Kindern beobachten wird. Reagiert darauf der Partner mit seinem Kind-Ich, könnte er schmollend gar nicht auf die Frage antworten. Vielleicht denkt er sich: „Immer meint mein Partner (Elternvertreter), ich hätte den Haushalt nicht im Griff.“ – vergleichbar mit „Die Eltern schimpfen laufend mit mir, weil ich mein Zimmer nie aufräume.“ Oder man faucht mit seinem Kind-Ich trotzig zurück: „Im Tiefkühlfach! Wo sonst?“ Antwortet man mit dem eigenen Eltern-Ich in Richtung des Kind-Ich des Fragenden, würde es vielleicht heißen: „Dort wo du sie immer liegen lässt.“ Nun erscheint der andere als kleines Kind das laufend die Zahnpastatube verlegt. Die erwachsene Form würde dagegen den genauen Ort der Zahnpasta bezeichnen, wenn dies bekannt wäre oder evtl. die Information beinhalten, dass man gerade nicht weiß, wo sie sich befindet.

Alltägliche Kontakte, berufliche Erfordernisse und Beziehungssituationen sind prädestiniert für solche Kommunikationsprobleme. Für die eigene Selbsterforschung ist dieses Konzept allerdings besonders geeignet: Diese drei Ich-Formen wirken permanent und sind bei den eigenen inneren Dialogen ständig beteiligt! So hört mitunter man etwas bei Gesprächen mit anderen Menschen heraus, was man (ohne es zu bemerken) sich selbst oft sagt. Man bewertet also die Dinge entsprechend seiner bereits vorhandenen inneren Einstellung und weniger nach der realen Situation. Deshalb ist es unabdingbar, die Inhalte seines Kind-Ich und Eltern-Ich durch das eigene Erwachsenen-Ich (mit Hilfe eines Therapeuten) zu analysieren! Mit sich selbst ins reine zu kommen ist das Hauptziel der Arbeit mit der Transaktionsanalyse.

Eine praktische Analyse der eigenen Ich-Zustände könnte u.a. so aussehen: Wenn man in Ruhe über eine bestimmte Situation nachdenkt und sich schlecht dabei fühlt, könnte man seine Gedanken und Gefühle genauer beobachten: Welche Gedanken gehen durch den Kopf? Welcher innere Dialog läuft gerade ab? Wie sind die unterschiedlichen Ich-Formen dabei beteiligt? Vielleicht fühlt man sich deprimiert, schwach wie ein kleines Kind. Möglicherweise entwertet gerade ein innerer Elternteil das eigene innere Kind in altbekannter Art und Weise? Doch was haben diese Bewertungen mit der entsprechenden realen Situation zu tun? Sind diese Wertungen wirklichkeitsnah oder lediglich die alte Leier, die immer wieder abgespielt wird, wenn Probleme auftauchen? Könnte man diese Situation auch anders interpretieren?

Solche Selbstbeobachtungen könnten regelmäßig erfolgen, denn dadurch wird das Erwachsen-Ich gestärkt. Das Erwachsen-Ich kann das Eltern-Ich auf überlebte Direktiven hin überprüfen. Wenn das Eltern-Ich entrümpelt wird, befreit man damit das ursprüngliche innere Kind. So kann man die eigene Kreativität und Lebensfreude immer mehr entfalten. Vielleicht erfüllt man sich Wünsche, die man sich bisher verboten hatte. Vielleicht verfolgt man frühere Träume und Visionen, die man für die Normenerfüllung opferte. Vielleicht vermeidet man künftig Dinge, die einem nicht gut tun. Vielleicht findet man neue Lösungen für alte Probleme.

Mit dem Wissen um die drei Ich-Formen und die enthaltenen eigenen Gefühls- und Denkmuster, kann man viele Situationen umfassender wahrnehmen. Man erkennt zunehmend, wann man sich selbst im Wege steht, wenn man lediglich die Gefühle und Verhaltensweisen der Vergangenheit wiederholt. Man könnte damit aufhören und etwas anderes probieren. Man wird freier in der Wahl seiner Möglichkeiten. Man löst sich aus seiner Vergangenheit und wechselt immer mehr ins Hier und Jetzt. Auf die Frage „Wo hast du wieder die Zahnpasta versteckt?“ konnte man antworten: „Zahnpasta zu verstecken macht keinen Sinn.“

30. August 2013Permalink