Von der Fremdbewertung zur Neubewertung

Hochsensible Menschen nehmen sich Bewertungen anderer Menschen, insbesondere nahestehender, sehr zu herzen. Solche Wertungen können durchaus negativ ausfallen, wenn die Besonderheiten hochsensibler Menschen zu wenig beachtet werden. Mögliche Titulierungen reichen vom Sensibelchen bis zum Schwächling. Kleine Kinder übernehmen automatisch die Bewertungen ihrer Umwelt, denn sie sind noch nicht fähig diese zu hinterfragen. So übernahm man vielleicht viele dieser Zuschreibungen als die eigenen und bewertet sich selbst danach. Aber auch im Erwachsenenalter scheint die Umwelt die eigene Mangelhaftigkeit dauernd zu bestätigen, denn andere Menschen haben offenbar ihr Leben viel besser im Griff. So läuft man Gefahr sich selbst als minderwertig einzuschätzen.

Um solche Selbstbewertungen zu korrigieren ist es nötig falsche Fremdbewertungen zu hinterfragen. Durch das Wissen um das eigene Potenzial als hochsensibler Mensch könnte man viele dieser negativen Zuschreibungen in positive Eigenschaften umformulieren:

Negative Fremdbewertungen (Verkannter hochsensibler Mensch ist …) Positive Neubewertungen (Hochsensibler Mensch ist natürlicherweise …)
ängstlich, gehemmt, (zu-) zaghaft achtsam, aufmerksam, vor- und umsichtig
schwach, schüchtern sensibel, empfindsam, feinfühlig
verträumt, abwesend phantasievoll, einfallsreich, kreativ, originell
labil, durchsetzungsschwach rücksichtsvoll, hilfsbereit, aufmerksam, empathisch
(zu-) passiv abwartend, beobachtend, nachprüfend
(zu-) ruhig, (zu-) zurückhaltend nachdenklich, tiefgreifend, vorsichtig
naiv, arglos positiv eingestellt, uneigennützig, offenherzig
(zu-) langsam gründlich, detailliert, weitsichtig
eigenbrötlerisch, egoistisch individuell, originell, eigenständig, authentisch

Durch das Verständnis der eigenen Besonderheiten erscheinen viele der früheren unzutreffenden Zuschreibungen in einem völlig anderen Licht:

Wenn man z.B. weiß, dass man als hochsensibler Mensch aufgrund der guten Wahrnehmungsfähigkeit in neuen Situationen mehr Details als Normal-Sensible* zu verarbeiten hat, dann ist klar, dass man generell vorsichtiger agiert. Ein Normal-Sensible kann dagegen sozusagen einfach drauflos machen. Für ihn sieht es so aus, als wäre ein Hochsensibler besonders ängstlich und gehemmt. Dabei kann dieser durch seine Stärken u.a. mögliche Risiken besser wahrnehmen. Dadurch wird er weniger als Normal-Sensible von unerwarteten Entwicklungen überrascht. Als Nachteil braucht man eben längere Zeit (seine Zeit) um die Details zu verarbeiten. Dafür hat man alles umfassender analysiert.

Als ein weiteres Beispiel wird man als hochsensibler Mensch oft von anderen als egoistisch und eigenbrötlerisch eingeschätzt. Dabei braucht man wegen seiner sensibleren Wahrnehmung mehr Zeit für Rückzug und Kontemplation. Man hat einfach mehr als ein Normal-Sensibler zu verarbeiten und mehr mit sich selbst abzumachen. Zudem schadet man niemand wenn man mehr Zeit für sich selbst beansprucht. Vernachlässigt man dagegen seine Bedürfnisse, so besteht die Gefahr, dass man sich selbst überfordert.

Um das eigene Selbstverständnis zu stärken ist es unabdingbar um die eigenen Besonderheiten zu wissen und dazu zu stehen. Wenn schon die Umwelt oftmals eine hohe Sensibilität mit Schwäche gleichsetzt, dann ist es ganz besonders wichtig, sich selbst so anzuerkennen wie man ist. Eine andere Wahl hat man im Grunde nicht. Mit diesem (neuen) Selbstbewusstsein kann man sein Leben den eigenen Bedürfnissen entsprechend gestalten.

*Hochsensible oder Normal-Sensible sind als Unterscheidungsmerkmal und nicht als Wertung im Sinne von richtig oder falsch zu verstehen. Der Anteil hochsensibler Menschen beträgt 10-15 Prozent der Gesamtbevölkerung.

27. November 2013Permalink