Hochsensibilität erkennen und annehmen

Menschen sind sehr verschieden. So wie es Menschen gibt, die vom Körperbau eher dünner, dicker oder kräftiger erscheinen, im Denken und Handeln mehr zum Theoretiker oder Praktiker neigen, vom Temperament mehr introvertiert oder extrovertiert ausfallen, so gibt es Unterschiede bei der Sensibilität. Wir finden auf der einen Seite mehr „dickhäutige“ Individuen, denen so leicht nichts beeindruckt und aus der Fassung bringt. Demgegenüber gibt es die eher „dünnhäutigen“ Menschen, die sehr empfindlich auf die Regungen ihres Körpers und auf die Umwelt reagieren. Zwischen diesen beiden Polen gibt es viele Varianten.

Mir geht es um hochsensible Menschen. Sensibilität wird oft mit Introvertiertheit gleichgesetzt. Das ist nicht zutreffend, denn ca. ein Drittel hochsensibler Menschen sind extrovertiert. Bei der Hochsensibilität handelt es sich um eine körperliche Veranlagung, bei der das Nervensystem mehr Reize, Stimulationen und Informationen aufnimmt, als beim Durchschnittsmenschen. Diese Veranlagung ist natürlich und wird vererbt. Hochsensible Menschen gab es schon immer in allen Kulturen. Ihr Anteil (Frauen und Männer) wird in unserer Gesellschaft auf ca.15 Prozent geschätzt. Die wissenschaftliche Forschung der Hochsensibilität wurde von der US-amerikanischen Psychologin Elaine N. Aron im Jahre 1997 eingeleitet und wird seitdem fortgeführt.

Hochsensible Menschen haben es in unserer auf Funktionieren und Effizienz ausgerichteten Welt nicht leicht, denn ihre Besonderheiten werden oft zu wenig anerkannt. Im Sinne von Effizienz wäre es sicherlich besser, alle Menschen wären gleich. Doch die Wirklichkeit ist – wie gesagt – anders. So werden Unterschiede durch eine erhöhte Sensibilität oft mehr als Störungen interpretiert und die Stärken dagegen kaum gesehen. Die Stärken sind folgende:

- Hochsensible Menschen nehmen viele Dinge überdurchschnittlich genauer und detaillierter wahr,
- sind offener mit allen (oder bestimmten) Sinnen,
- nehmen ihren Körper stärker wahr (Schmerzen wie Wohlgefühle),
- reagieren empfindlicher auf Gifte, Genussmittel und Medikamente,
- nehmen mitunter Lärm, grelles Licht, Gestank, Menschenmassen stärker wahr,
- nehmen Schönheiten und die kleinen Freuden des Alltags intensiver wahr,
- können gedanklich detaillierter und vernetzter als der Durchschnitt denken,
- agieren besonders vorsichtig, vorausschauend und weitsichtig,
- können Widersprüche und Gefahren und damit Lösungen schneller erkennen,
- sind besonders kreativ und intuitiv veranlagt,
- reagieren sensibel auf die Stimmungslagen anderer Menschen,
- sind außergewöhnlich einfühlsam, hilfsbereit und mitfühlend,
- sind vorwiegend idealistisch und oft auch uneigennützig eingestellt.

Nicht selten ist es leider so, dass man als sensibler Mensch, bereits im Kindesalter gerade für seine Dünnhäutigkeit von weniger empfindsamen Mitmenschen verkannt bis abgelehnt wurde. Wenn Eltern und Erzieher für dieses Thema nicht sensibilisiert sind, werden Probleme, die durch eine erschwerte Anpassung, an die für die Mehrheit ausgerichteten Rahmenbedingungen entstehen, vor allem als Unvollkommenheiten des sensiblen Kindes wahrgenommen. Nur selten werden die natürlichen Eigenarten des Kindes als weiniger vereinbar zur Einheitsnorm erkannt. Das Kind entwickelt sich offenbar nicht so, wie man es von einem „normalen“ Kind erwartet.  Dann wird oft im guten Willen herumerzogen um die Anpassung doch zu gewährleisten. Dadurch kann das Selbstbewusstsein des Sensiblen leiden.

Akzeptiert wird seine Sensibilität im Sinne der Gemeinschaft und Arbeitswelt einzusetzen. Dort kann sie großen Nutzen bringen und man wird dafür auch anerkannt. So ist man besonders offen für die Bedürfnisse seiner Umwelt, von Freunden, Familienmitgliedern, von Kunden, Chefs, Kollegen usw., arbeitet sehr präzise bis perfektionistisch. Werden jedoch damit die eigenen besonderen Bedürfnisse zu sehr vernachlässigt, so kann dies zur Selbstüberforderung führen. Hochsensible Menschen haben folgende besonderen Bedürfnisse:

- Hochsensible Menschen benötigen wegen ihrer starken Beeindruckbarkeit mehr Zeit für Rückzug und Kontemplation als andere Menschen,
- haben oft ein besonderes Aktivitäts-, Ruhe- und Schlafbedürfnis,
- können sich gefühlsmäßig schlechter abgrenzen und sind deshalb weniger konfliktfähig und durchsetzungsstark,
- reagieren sensibel auf Stimmungen anderer Menschen, lassen sich davon leicht beeinflussen (positiv wie negativ) und müssen sich deshalb stärker abgrenzen,
- sind seelisch verletzbarer als andere und nehmen sich mehr zu herzen,
- nehmen ihren Körper stärker wahr und sind deshalb weniger stressresistent,
- benötigen oft längere (ihre) Zeit für Arbeiten, weil sie mehr Details wahrnehmen und deshalb auch mehr davon verarbeiten und sortieren müssen,
- können schlechter mit unvorhersehbaren Veränderungen und Zeitdruck umgehen,
- machen sich wegen ihrer guten Beobachtungsgabe häufig Sorgen um viele Dinge,
- nehmen Ängste intensiver wahr und brauchen deshalb mehr Schutz und Sicherheit.

Leider werden die gesellschaftlichen Rahmenbedingen, insbesondere der Arbeitswelt, immer weniger den Bedürfnissen (nicht nur) hochsensibler Menschen gerecht. Immer mehr Bereiche werden von einer technokratischen Ökonomie bestimmt. Menschlichkeit bleibt zunehmend auf der Strecke. Stetig steigende Leistungsanforderungen, permanenter Zeitdruck, starke Reizüberflutung und unsichere Arbeitsverhältnisse können sensible Menschen überfordern. Ihre Stärken werden zu wenig geschätzt und nachgefragt, wichtige Ressourcen dadurch vertan. Wenn die Anpassung an ungünstige Bedingungen zu hart wird, können daraus körperliche Probleme und/oder zwischenmenschliche Konflikte entstehen. Dann reagiert man je nach Veranlagung mit Ärger, Dominanz, Rückzug und psychosomatischen Symptomen.

Wenn man seit der Kindheit „lernte“, seine empfindsamen Seiten abzulehnen, läuft man Gefahr, diese Situationen im Erwachsenenalter zu wiederholen. Dies könnte u.a. so aussehen:

- Man behandelt sich selbst so, wie man seit der Kindheit von anderen weniger sensiblen Menschen behandelt wurde.
- Man beurteilt sich selbst oft negativ und mit Unverständnis für die eigene Sensibilität.

Andere Menschen müssen nicht mehr verlangen, man solle nicht so empfindlich sein, sich zusammenreißen und funktionieren. Man verlangt es selbst von sich! „Wenn ich doch nur robuster und nicht so empfindlich wäre.“ Solche Gedanken untergraben das eigene Selbstbewusstsein.

Hochsensibilität ist keine Laune der Natur oder eine seelische Störung. Es handelt sich um eine natürliche körperliche Veranlagung. Die Stärken und Probleme hochsensibler Menschen unterscheiden sich lediglich von denen anderer Individuen. Um mögliche leidvolle Wiederholungen zu vermeiden, ist es für sensible Menschen wichtig, die eigenen Besonderheiten zu kennen. Mit wachsender Selbstakzeptanz kann man sein Leben immer mehr nach seinen besonderen Bedürfnissen gestalten.

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18. September 2014Permalink