Stress und Überforderung

Jeder kennt Stressgefühle mit den typischen Anzeichen wie z.B. erhöhter Puls- und Herzschlag, innere Unruhe, Anspannung, Nervosität, Angst, Beklemmung, Schwitzen und Konzentrationsstörungen. Dabei muss man zwischen positiven und negativen Stress unterscheiden.

Manchmal setzt man sich selbst unter Stress weil man etwas Bestimmtes erreichen möchte. Ein positives Ziel vor Augen bringt genügend Motivation solche Stresssituationen auszuhalten. Aufgrund der positiven Eigenmotivation nennt man diese Form des Stresses positiven Stress.

Stress entsteht aber auch wenn man in Situationen gerät die man nur ungenügend kontrollieren kann. Man kann den Grad der Belastung nicht selbst bestimmen wodurch dieser zu stark ansteigt. Man kann weniger selbstbestimmt agieren weil man auf Vorgaben von Außen reagieren muss. So reagiert man mitunter ängstlich, hilflos, frustriert, hektisch, nervös, verärgert, aggressiv, entmutigt oder deprimiert. Das ist negativer Stress.

Wenn man kaum Möglichkeiten sieht diesen Zustand in Zukunft positiv zu verändern, kann daraus Überforderung entstehen.

Statistiken belegen immer deutlicher, dass in unserer Gesellschaft, durch negativen Stress verursachte Erkrankungen in ihrer Zahl stetig steigen. Man spricht bereits von einer burnout-Epidemie. Als Hauptursachen werden oft berufliche Überforderungssituationen ausgemacht. Stetig wachsender Leistungs- und Termindruck, Konflikte am Arbeitsplatz, Kündigungsdruck, steigende Informationsflut, schlechtes Betriebsklima und wachsender Konkurrenzdruck sind zu beobachten. Doch warum steigt trotz immer höherer Arbeitsproduktivität der Leistungsdruck in der Arbeitswelt stetig an?

Bestimmte volkswirtschaftliche Zwänge beeinflussen unser Arbeitsleben immer mehr. Insbesondere führt der im Finanzwesen verursachte Wachstumszwang der Volkswirtschaft zu einem immer stärkeren Konkurrenzkampf zwischen den Unternehmen. Innerhalb der Unternehmen steigt dadurch der Kostendruck. Darauf wird oft mit Kostenreduzierungen insbesondere im Personalbereich reagiert. Für die gleiche Arbeit wird immer weniger Personal eingesetzt. Trotz stetig steigender Produktivität ist die Arbeit also nicht leichter zu erledigen. Der Leistungsdruck nimmt für den Einzelnen stetig zu.

Aufgrund der ökonomischen Ursachen steigt ebenfalls der Zwang der Unternehmen immer mehr Produkte an die Verbraucher zu verkaufen. So wird auch das Privatleben immer mehr von kommerziellen Interessen beeinflusst. Von der zunehmenden Reizüberflutung durch die Medien, über Konsumterror bis hin zur Eventkultur halten die Menschen in Bewegung. Private Verschuldung für Konsum und Immobilien verschärfen diese Situation zusätzlich. Um nicht in eine Außenseiterposition zu gelangen machen viele dabei mit. Das Karussell aus Arbeits- und Konsumstress dreht sich immer schneller. Und je mehr Termine eingetaktet werden desto dichter wird die Kette. Das kann soweit gehen bis man seine Ressourcen überdehnt.

Problematisch kann es werden, wenn negativer Stress über einen längeren Zeitraum das Leben dominiert. Dann kommen Kompensationsversuche. Man ergreift nach und nach verschiedene Maßnahmen um mit dem Stress fertig zu werden: So könnte man z.B.:

- Suchtmitteln insbesondere dem Alkohol verfallen,
- Schmerz- und Schlafmittel und andere Medikamente einnehmen,
- zu Aufputschmitteln greifen,
- besonders intensiv mediale Ablenkung und Konsum benötigen,
- übermäßig Sport treiben,
und andere Methoden und Mittel wählen um die Syptome zu bekämpfen.

Kritisch könnte es werden wenn man die Dosen solcher Ausgleichsmaßnahmen mit der Zeit erhöhen muss. Wenn man die Ursachen nicht beseitigt, könnte es bald an die Substanz gehen. Das geht soweit bis der Körper Alarm schlägt. Erste Anzeichen sind:

- Essstörungen,
- immer stärkere Abweichung vom körperlichen Normalgewicht,
- Probleme mit dem Herz- und Kreislauf,
- Probleme im Magen- und Darmbereich,
- muskuläre Verspannungen,
- Kopfschmerzen,
- Schlafstörungen,
- chronische Müdigkeit,
- sexuelle Unlust,
- Hörsturz,
- Tinnitus,
- Depressionen u.a.

Konflikte zwischen fremden Ansprüchen und den eigenen Bedürfnissen können jahrelang dahin schwelen bis sie eskalieren. Spätestens dann ist Umdenken angesagt!

Wichtig ist zu erkennen, dass es sich beim ökonomisch verursachten Stress um ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt und dass die verantwortlichen Politiker momentan kaum etwas unternehmen daran etwas zu ändern. Daher muss man seine Konsequenzen ziehen. Man trägt also selbst keine persönliche Schuld wenn man beim stetig steigenden Leistungsdruck in der Arbeitswelt immer weniger mithalten kann. Sensible Menschen nehmen diese Verwerfungen zuerst wahr, die anderen folgen später. Gewinnen könnten im unmenschlichen Wettlauf nur Maschinenmenschen, denn der Wachstumszwang kennt keine Grenzen. Doch Verlierer sind wir alle. Das zwischenmenschliche Klima leidet enorm.

Im Privatbereich ist man besonders der Reizüberflutung durch die Medien ausgesetzt. Vielleicht braucht man die mediale Ablenkung um sich vom Stress der Berufswelt zu erholen. Vielleicht kompensiert man steigenden Frust im Berufsleben mit erhöhten Konsumausgaben. Wenn man sich schon im Beruf selbstverleugnen muss und leidet, dann will man wenigstens im Privaten gut leben. Doch auch dieser Ausgleich kann weiteren Stress bedeuten. Die Reizüberflutung durch die Medien kann zur Sucht werden, so dass man immer wieder nach neuen Reizen sucht. Durch die Werbung suggerierte Begehren können zusätzliche zeitliche wie finanzielle Zwänge erzeugen. Dabei verliert man seine wirklichen Bedürfnisse immer mehr aus den Augen.

Vielleicht hat man Versagensängste weil man denkt andere Menschen wären beruflich leistungsfähiger und würden solche Situationen besser meistern. Vielleicht hat man finanzielle Verpflichtungen durch Schulden denen man nachkommen muss. Folgende Fragen könnten aufkommen:

Gerät man womöglich in eine Randposition wenn man weniger arbeiten möchte?
Ist man als Mensch plötzlich weniger wert wenn man dem Leistungsfetischismus adieu sagt?
Ist man plötzlich als Mensch weniger wert weil man sich weniger Konsum und Prestige leisten will?
Wird man noch anerkannt wenn man sich beruflich entsprechend umorientiert?
Wird man noch anerkannt wenn man nicht mehr überall bei den Freizeitaktivitäten mitmachen und mithalten will?

Die eigene Lage gilt es realistisch einzuschätzen. Man darf sich nichts vormachen, muss aber auch keine Horrorszenarien an die Wand mahlen. Man könnte verschiedene Möglichkeiten durchspielen:

Wie könnten Alternativen aussehen?
Wie könnte man Belastungen reduzieren?
Wo könnten realistische Wege und Ziele liegen?
Was sind meine eigenen Bedürfnisse?
Welche Bedürfnisse sind suggeriert?
Wie sähe wirkliche Eigenverantwortung aus?
Wo muss man mitunter Verantwortung abgeben und ablehnen?

Wenn man aus dem passiven Erdulden der Situation in eine entlastende Offensive wechselt kann man die Kontrolle über sein Leben zurückgewinnen.

14. November 2014Permalink