Sich selbst bedingungslos annehmen

Wie Normen und Ideale unsere Selbstakzeptanz beeinträchtigen

Sich selbst bedingungslos anzunehmen ist der Königsweg für ein zufriedenes Leben. Dieser Satz ist leicht formuliert, umso schwerer ist die Umsetzung. Seit der Kindheit wurde uns beigebracht, uns mit anderen Menschen zu vergleichen und danach zu bewerten. Es war das Erziehungsmittel um uns zu angepassten Mitgliedern der Gemeinschaft zu machen. Unsere Eltern hatten aber keine Schuld, denn sie hatten auch nur Eltern die so erzogen wurden und diese ebenfalls … Und dann gab und gibt es Erzieher, Lehrer, die Medien mit ihrer Werbung und viele viele andere Menschen, Unternehmen, Vereine und Institutionen, die alle mitmachen beim großen Vergleichswettbewerb.

Die Möglichkeiten sich zu vergleichen scheinen unendlich zu sein. Man kann sich über:
- Äußerlichkeiten,
- dem materiellen Besitz,
- der Intelligenz,
- dem Bildungsgrad,
- der beruflichen Leistungsfähigkeit,
- dem finanziellen Einkommen,
- einer bestimmten Weltanschauung,
- der geistigen, spirituellen, religiösen Entwicklung,
- die Vorstellung einer intakten Familie und harmonischen Partnerschaft usw.
vergleichen.

Uns ständig mit anderen Menschen zu vergleichen finden wir völlig normal und es läuft schon automatisch ab. Deshalb gibt es garantiert immer jemanden, der scheinbar besser ist und weiter in seiner Entwicklung fortgeschritten erscheint.

Normen und Ideale

In Wirklichkeit vergleichen wir uns jedoch weniger mit anderen Menschen, als vielmehr mit bestimmten Normen und Idealvorstellungen einer Gemeinschaft. Menschen, die angeblich besser sind, scheinen diese Ideale mehr zu verkörpern als wir. Interessanterweise sind diese aber, wenn man hinter die Fassaden schaut, auch nicht besonders glücklich mit ihrem Leben.

Dass ist kein Wunder, denn ständiges Vergleichen erzeugt permanente Unzufriedenheit und Neid. Andere übertreffen zu wollen führt zu Dauerstress, chronischer Zeitnot und Überforderung. Geldprobleme entstehen wenn man überall mithalten will und dafür über seine Verhältnisse lebt. In der Freizeit und im Urlaub möchte man zwar etwas Freiheit genießen, landet aber doch oftmals im trendigen Konsumprogramm. In Beziehungen spielt jeder eine Rolle und überwacht sich gegenseitig bei der Normerfüllung. Bei Verwandtenbesuche werden Rituale abgespult und kaum jemand erzählt wie es ihm wirklich geht. Alles ist bestens, alles ist normal… Die Erfüllung von Idealen scheint also kein Rezept für ein glückliches Leben zu sein.

Woher stammen Normen und Ideale?

Normen und Ideale werden immer von den gerade herrschenden Machthabern propagiert und dienen dazu, deren Interessen durchzusetzen. Früher waren es Kaiser und Könige, die über die Religionen (Vorläufer der politischen Ideologien) und der dazugehörigen Propagandaabteilung, die Kirchen, unser Weltbild bestimmten. Derzeitig sind es (außer den Kirchen) mächtige Finanz- und Wirtschaftsverbände, die die politischen Ideologien steuern. Da die Geld- und Machtgier offenbar grenzenlos ist und unser Finanzsystem stetiges Wirtschaftswachstum erzwingt, findet diese Expansion keine gesunde Obergrenze. Die Anforderungen an die Menschen steigen daher stetig an. Aus normalem Leistungsstreben entwickelt sich ein Leistungsfetischismus und aus natürlicher Bedürfnisbefriedigung eine Konsumentenmentalität. Unsere Arbeitswelt ist prädestiniert für perfektionistische Idealvorstellungen mit stetig steigendem Leistungsdruck. Die von den Kirchen propagierte Arbeitsmoral hatte schon vielen vergangenen Generationen das Leben vergällt und bekommt im modernen Leistungsfetischismus eine perfektionistische Krönung.

Selbstabwertung

Durch dieses Wirtschaftssystem werden in der Bewertung bestimmte menschliche Eigenschaften auf- und Abweichungen davon abgewertet.
Aufgewertet werden:
- Extrovertiertheit,
- Oberflächlichkeit,
- Kopflastigkeit,
- technische Fähigkeiten,
- eine kommerzielle von Kreativität,
- Aktivitäten,
- Ellenbogenmentalität,
- Statusstreben,
- Leistungsstreben,
- Handlungsfähigkeit,
- Narzissmus usw.

Dagegen werden abgewertet:
- Introvertiertheit,
- Nachdenklichkeit,
- Tiefsinn,
- Gefühlsbetontheit,
- Sensibilität,
- Empathie,
- Passivität,
- Genügsamkeit,
- Einfachheit und Zurückgezogenheit.
Oftmals werden solche Eigenschaften als Schwächen interpretiert.

Als sensibler und introvertierter Mensch hat man es in unserer auf Expansion fixierten Gesellschaft besonders schwer. Man passt weniger in die gewünschten Vorgaben von Normalität. Kennt man seine Eigenarten nicht, dann kann das Selbstbewusstsein sehr leiden. Viele psychische und zwischenmenschliche Probleme lassen sich daraus ableiten.

Relativität von Normen und Idealen

Bei genauerem Hinsehen sind viele Normen und Ideale mit ihren Bewertungen jedoch keine absoluten Größen. Diese veränderten sich nämlich im Laufe der Geschichte und werden es auch weiterhin tun. Vor Einhundert Jahren z.B. galten andere Ideale in punkto Besitz, Arbeit, Bildung, Partnerschaft, Sexualität, Erziehung, Benehmen, Äußerlichkeiten usw.

- War früher z.B. die autoritäre Erziehung die Norm, so schwenkte man inzwischen ins andere Extrem, der antiautoritären Erziehung um. Beide Formen sind jedoch einseitig, eine Erkenntnis, die sich nur langsam durchsetzt.
- Früher war der materiell hortende Charakter gefragt und unsere Großeltern warfen kaum etwas weg und nutzten vieles mehrfach. Da die Produktivität stetig stieg, musste man in der Wirtschaft von der Bedarfsdeckung  mit Waren und Dienstleistungen auf Bedarfsweckung umschwenken. Dadurch wurden Marketing und Werbung immer wichtiger. Werbung dient mittlerweile nicht mehr dazu die Vorzüge eines Produkts zu zeigen, sondern den Leuten Dinge aufzuschwatzen, die sie im Grunde gar nicht brauchen. Die Menschen wurden zu chronisch unzufriedenen Konsumenten umerzogen und man nimmt jeden neuen kurzlebigen Trend dankend auf.
- Hatte man früher, wo Hunger noch alltäglich war, die sog. Rubensfigur als körperliche Idealvorstellung, so wird heute in Zeiten des Überflusses, ein übertriebenes Schlankheitsideal propagiert. Zudem wird aus normaler körperlicher Fitness geradezu ein ungesunder Körperkult gemacht.
- Früher war das von den Kirchen propagierte Familienideal der Kleinfamilien mit absoluter sexueller Treue die Norm für Beziehungen. Die rigide Sexualmoral der Kirchen erzeugt sehr viel Leid. Heute werden Beziehungen nach Beliebigkeit geschlossen und aufgelöst. Singlekultur mit völliger Unverbindlichkeit wird als individuelle Freiheiten gepriesen. Vereinsamung mit sozialer Isolation sind die Folgen. Weder die völlige Aufgabe der individuellen Bedürfnisse für eine Gemeinschaft, noch ein künstlicher Individualismus, der den Einzelnen von seinen Mitmenschen trennt, sind jedoch dazu angetan, ein glückliches Beziehungsleben zu führen.
Die Liste solcher Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen. …

Sein Bewusstsein erweitern

In den Geschichtsbüchern wird uns zwar oft gezeigt, wie veränderlich viele der Normen und Ideale in der Vergangenheit waren, jedoch werden die derzeitig geltenden niemals hinterfragt! Man meint immer gerade in der besten aller Welten zu leben. Dass dies nicht so ist, werden wieder erst spätere Generationen erfahren. Wir müssen jedoch in dieser Welt leben.

Darum gilt es sein Bewusstsein zu erweitern und die gesellschaftliche, wie die persönliche Situation aus einer erweiterten Perspektive zu betrachten: Man lebt gerade in einer bestimmten Zeitepoche und Gesellschaft mit ihren Normen und Idealen und kann beobachten, wie sich die Menschen davon beeinflussen lassen. Man nimmt wahr, wie propagierte Ideale das eigene Denken und Verhalten beeinflussen. Mit einem gesunden  Abstand kann man darüber stehen, ohne sich völlig abzukapseln. Man lebt trotzdem in dieser Welt, lässt sich aber nicht mehr unwissend darin verstricken. Die Beeinflussung durch Idealbilder funktioniert nicht mehr so leicht, wenn man weiß, dass es sie gibt und dass diese Wirkung erzielen! Wenn man beachtet, dass viele diese Idealbilder relativ und damit hinterfragbar sind, wird vieles leichter.

Allerdings verliert man zu Beginn der Entwicklung etwas an Orientierung in seinem Leben. Normen und Ideale geben den Menschen Sicherheit und Halt, indem pauschal festgelegt ist, was für alle Menschen richtig und was falsch sein sollte. So braucht man nicht selbständig darüber nachzudenken was einem entspricht oder nicht. Stellt man nun einiger dieser Ideale infrage, kommt Unsicherheit auf. Wegen dieser Unsicherheiten suchen viele, die die gerade herrschenden Ideale hinterfragen, Orientierung in alten Traditionen. Damit läuft man aber Gefahr, sich wieder an fremden pauschalen Normen und Idealen zu messen. Zudem könnte es sein, dass man die Fehler vergangener Generationen wiederholt.

Wie man es auch dreht und wendet: Letztlich kommt man nicht umhin, sich eigene Gedanken zu machen! Man muss selbst entscheiden, was für sich selbst richtig oder falsch ist. Das ist real gelebte Selbstverantwortung und Individualität.

Anerkennung

Wenn man eigenverantwortlich handeln will, dann darf Anerkennung nicht mehr den Stellenwert besitzen, den wir als Kinder hatten, weil wir von unseren Eltern abhängig waren. Da wurden wir zumeist anerkannt, wenn wir unseren Eltern keine Sorgen bereiteten und alles taten was wir sollten. Die Eltern, wie auch Erzieher, Lehrer usw. orientierten sich an den gerade geltenden Normen und Idealen der Gesellschaft. So bekamen wir eben auch oft nur Anerkennung, wenn wir es ihnen gleich taten oder eben Ablehnung und Kritik, wenn wir nicht der Norm entsprachen. Da wir diese Sichtweise übernommen hatten, bewerten wir uns schließlich immer noch selbst in dieser Art und Weise. Es braucht also niemanden mehr der uns im Außen bewertet, wir bewerten uns automatisch danach.

In unzähligen Selbstgesprächen vergleichen wir uns selbst mit den Idealen und Normen der Gesellschaft!

Entsprechend könnte man sich die Anerkennung, die man von anderen Menschen erhält, auch hinterfragen. Bekommt man vielleicht vor allem Anerkennung wenn man bestimmte Normen und Ideale erfüllt und weniger als Mensch, der man ist? Und wenn man diesen Idealen wenige gerecht wird? Dann bleibt die Anerkennung plötzlich aus? Diese banale Realität bekommen Menschen mit Sicherheit präsentiert, die sehr auf die Karte „Ideal“ setzen: So z.B. wenn man seinen Selbstwertes vom Schönheitsideal oder der beruflichen Karriere abhängig macht, wird man feststellen, dass die Anerkennung von anderen Menschen im Alter und bei weniger beruflichen Erfolg rapide nachlässt. Plötzlich wird man nicht mehr angesprochen und auf der Straße erkannt, gegrüßt usw., sind die Speichellecker schon längst wieder mit anderen Idealwesen, die nur ihre Projektionsfläche befriedigen, beschäftigt. Genauso wird man in einer Gemeinschaft gemieden, geächtet oder gar ausgeschlossen, sobald man nicht mehr bestimmten Idealvorstellungen entspricht. Da findet die vormals grenzenlose Nächstenliebe abrupt ihr Ende.

Die entscheidende Frage ist: Bekommt man Anerkennung als Mensch der man nun mal ist oder etwa weil man z.B.:
- ein auffälliges Automobil als Statussymbol fährt,
- die neuste Handymarke besitzt,
- ein großes Haus besitzt und/oder in einer teuren Gegend wohnt,
- ein perfektes Äußeres hat und/oder einen attraktiven Partner vorweisen kann,
- die Kinder einen guten Eindruck machen,
- eine harmonische Familie darstellt,
- sich laufend teure Urlaubsreisen leisten kann,
- einen bestimmten Titel oder Berufsabschluss vorweisen kann,
- mit Fremdsprachen und Allgemeinwissen glänzen kann,
- Zitate von anerkannten Größen beherrscht,
- Phrasen einer bestimmten Ideologie oder Weltanschuung nachbetet,
- sich immer so gibt, dass man bei anderen gut ankommt,
- sich arbeitsam und fleißig zeigt,
- kurz: bestimmte Idealvorstellungen verkörpert?

Sich selbst anerkennen wie man ist

Wenn man nun aufhört, sich mit angeblich „besseren“ Menschen zu vergleichen, dann hört man auch auf, sich selbst als mangelhaft anzusehen. Deshalb ist man nicht gleich der größte, sondern sieht sich so wie man ist, nämlich vollkommen in seiner Unvollkommenheit. Das bedeutet auch nicht, man würde nicht mehr an sich arbeiten und etwas verbessern wollen. Es macht aber einen Unterschied ob man sich dafür an fremden Idealvorstellungen oder eigenen Befindlichkeiten orientiert!  Fühlt man sich wohl, dann ist es egal wie man in den Augen anderer Menschen erscheint, ob als erfolgreich oder nicht, faul oder fleißig, egoistisch oder selbstlos, anerkennenswert oder nicht … Sich selbst anzunehmen, so wie man ist, reicht völlig aus! Warum sollten man von anderen Menschen etwas verlangen, was man sich selbst geben kann?

 

15. November 2016Permalink