Sein eigener bester Freund sein

Stellen Sie sich vor: Sie haben Ärger mit einem Mitmenschen in einer Situation in der Sie sich ungerecht behandelt fühlen und die Sie emotional sehr belastet. Immer noch aufgewühlt, erzählen Sie einige Zeit später einem guten Freund davon. Sie schildern alle Einzelheiten und berichten von der Respekt-, und Rücksichtslosigkeit des anderen. Sie berichten, wie Sie sich ungerecht behandelt fühlen und wie Ihnen dieses Verhalten schmerzt usw.

Darauf antwortet Ihr guter Freund wie folgt: Anstatt geduldig zuzuhören, Sie zu trösten und Verständnis zu zeigen, anstatt Sie aufzubauen und Ihnen den Rücken zu stärken, fällt er Ihnen bereits nach einigen Sätzen ins Wort. Sie bekommen schwere Vorwürfe und scharfe Kritik zu hören: Sie sollen sich nicht so haben und immer gleich so empfindlich sein! Sie hätten mit der Situation ganz anders umgehen müssen. Sie hätten alles falsch gemacht, so wie Sie oft alles falsch machen. Sie sind eben ein Mensch, den man so nicht akzeptieren könne, denn schließlich haben Sie allerlei Mängel aufzuweisen. Es folgt eine Aufzählung Ihrer Defizite mit dem abschließenden Hinweis: Sie müssten noch viel an sich verbessern und haben Ihr Unglück deshalb nicht anders verdient. … Was würden Sie von solch einem Freund halten? Würden Sie ihn jemals wieder sehen und über Ihre Probleme sprechen wollen?

Was im Umgang mit nahestehenden Menschen und Freunden normal sein sollte, ist beim Umgang mit uns selbst oftmals nicht selbstverständlich. Wir behandeln uns nämlich oft selbst nicht wie einen guten Freund. Wir behandeln uns oftmals viel schlechter als wir andere Menschen jemals behandeln würden! In unseren Selbstgesprächen tadeln wir uns selbst für simple Fehler. Wir nehmen kleinste Unvollkommenheiten minutiös wahr. Wir vergleichen uns mit „besseren Menschen“ und setzen uns damit unter Druck. Wir sind mit uns ungeduldig und können bei uns selbst sehr abwertend und nachtragend sein usw. Anstatt sich also selbst in schwierigen Situationen freundschaftlich zu behandeln, sich zu trösten, zu beschützen, zu stärken, zu loben, uns Mut zuzusprechen und Verständnis zu zeigen, tun wir oft das ganze Gegenteil. Dies ist uns meistes nicht bewusst, denn es läuft automatisch ab! Wir können nur das Ergebnis wahrnehmen, nämlich: Gefühle der Wertlosigkeit und unter Druck zu stehen. Wenn wir über Probleme grübeln und uns dabei klein und wertlos fühlen, behandeln wir uns in unseren Selbstgesprächen gerade so wie der oben beschriebene falsche Freund. Wir machen uns selbst für Nichtigkeiten klein und schwach.

Vielleicht kompensieren wir solche negativen Gefühle, indem wir große Leistungen erbringen wollen und versuchen perfekt zu sein. Möglicherweise sind wir tatsächlich in Vielem sehr gut, so dass uns kaum jemand kritisieren könnte. Wir sind für andere da und wollen es möglichst allen recht machen. Wir geben viel und verlangen wenig. Wir nehmen Kritik sehr ernst und werten Lob ab. Wir wollen immer besser und besser werden. Wir wollen möglichst keine Fehler machen und anderen Menschen keinen Grund für Kritik geben. Und trotzdem fühlen wir uns oft schlecht, denn wir kritisieren uns ja ständig selbst für kleinste Unzulänglichkeiten! Für andere Menschen nützlich und gut zu sein ist also auch keine Lösung.

Die Lösung ist: Sie müssen sich innerlich selbst so behandeln, wie Sie es von einem guten Freund erwarten würden! Dabei geht es um die inneren Selbstgespräche: Als Ihr eigener guter Freund hören Sie sich selbst geduldig zu und sprechen zu sich selbst in einem verständnisvollen und aufbauenden Ton. Sie stärken sich selbst den Rücken und unterstützen sich wenn es mal schwierig ist. Sie stehen zu Ihren Stärken und verzeihen sich Ihre Unvollkommenheiten. Kurz gesagt: Es geht vor allem darum, die eigene innere Einstellung zu sich selbst zu verbessern!

Ich behaupte nicht, es wäre einfach. Diese ständige Selbstkritik ist über viele Jahre zur Gewohnheit geworden und fühlt sich deshalb an, als wäre sie berechtigt. Und außerdem wird es gesellschaftlich in vielen Fällen gefördert sich selbst überaus kritisch zu beurteilen. Innerlich zufriedene Menschen könnte man nicht zu Leistungen antreiben, die sie freiwillig nicht erbringen würden. Innerlich zufriedene Menschen würden keine Dinge kaufen, die sie eigentlich nicht brauchen. Daher schauen Sie in Zukunft mehr auf sich und weniger auf die Bedürfnisse der anderen oder was die Gesellschaft angeblich will. Diese Größen lassen sich eh nicht verändern. Sie können sich aber selbst verändern, insbesondere in der Art und Weise wie Sie sich innerlich selbst behandeln. Ich wiederhole: Sie behandeln sich selbst oft (innerlich) viel schlechter als andere Menschen! Genau das müssen Sie verändern!

Ein Fallstrick könnte sein: Sie kritisieren sich selbst, wenn es nicht gleich klappt, sich selbst mehr zu mögen und weniger zu kritisieren. Hören Sie daher auf sich selbst zu kritisieren, wenn etwas nicht gleich klappt und nicht perfekt ist. Hören Sie überhaupt damit auf perfekt sein zu wollen. Wenn Sie perfekt sein wollen, stören Sie sich an Kleinigkeiten die starke negative Gefühle auslösen. Kleinigkeiten sind Kleinigkeiten und sollten als solche behandelt werden! Kleinigkeiten sind es nicht wert besonders beachtet zu werden. Wegen Kleinigkeiten sollte man sich nicht als ganze Person abwerten! Es geht nicht um Kleinkram sondern um etwas Grundsätzliches! Es geht darum, Schritt für Schritt die grundsätzliche Einstellung zu sich selbst zu verbessern! Dafür muss man nicht perfekt sein. Der Weg ist das Ziel.

Stehen Sie sich zukünftig grundsätzlich verständnisvoll und wohlwollend gegenüber.
Das kann wie folgt aussehen:

Anstatt sich selbst zu verurteilen, wenn etwas nicht so läuft wie erwartet, finden Sie Verständnis für die Gründe. Sie haben grundsätzlich immer Ihr bestes gegeben.

Statt Selbstkritik wegen Kleinigkeiten zu üben, spenden Sie sich Lob für das Gesamtergebnis. Nichts ist so schlecht, als dass man nicht auch etwas Gutes finden könnte.

Anstatt sich über kleine Unzulänglichkeiten aufzuregen, erkennen Sie die guten und schönen Details und erfreuen sich daran!

Wenn Sie einen Fehler machen und wenn einmal tatsächlich etwas daneben geht, dann trösten Sie sich innerlich in ihren Selbstgesprächen und muntern sich gedanklich auf.

Ändern Sie den Fokus immer mehr von Selbstkritik in Richtung Selbstförderung!

Sie müssen nicht für andere Menschen erfolgreich oder fleißig sein und von allen Menschen gemocht werden. Es reicht völlig aus, wenn Sie zu sich selbst stehen und sich selbst mögen. Behandeln Sie sich selbst so wie Sie von einen guten Freund behandeln werden wollen! Sie können zwar einen falschen Freud kündigen, sich selbst können sich aber nicht aus dem Wege gehen! Zum Schluss folgt eine überaus gute Nachricht: Sie haben es selbst in der Hand was in Ihrem Inneren vor sich geht! Achten Sie auf Ihre Selbstgespräche! Es ist nie zu spät.

30. Dezember 2017Permalink