Schuldgefühle

Bei Schuldgefühlen gibt es oft folgende Überzeugungen:
Ich habe versagt.
Ich habe Fehler gemacht.
Ich habe andere Menschen übergangen, im Stich gelassen, gekränkt, geschädigt usw.
Ich bin nicht so wie ich sein sollte.

Schuldgefühle entstehen, wenn man denkt, man hätte etwas anders tun können oder gar anders tun müssen. Schuldgefühle entstehen, wenn man denkt, man könnte bestimmte Dinge anders tun, schafft dieses aber aus verschiedenen Gründen nicht.

Selbstvorwürfe in der Art quälen: Ach, hätte ich nur … Ach, könnte ich nur …

Man denkt, man hätte in allen Situationen immer die freie Wahl sich für das richtige zu entscheiden. Und wenn man trotzdem etwas falsches tut, dann könne man nur zum scheinbar logischen Schluss kommen: Man hat böse Absichten, persönliche Mängel und Charakterschwächen.

Vielleicht kompensiert man in der Art, indem man versucht, mit besonders guten Taten eine Schuld vorzubeugen oder abzutragen. Man versucht alles richtig zu machen und trotzdem unterlaufen einem Fehler. So nehmen Selbstanklagen und Schuldgefühle kein Ende.

Folgende Überzeugungen als Quellen für Schuldgefühle sind weit verbreitet:
Man müsse seinen Eltern für alles immer und ewig dankbar sein. Man versucht es daher seinen Eltern auch im Erwachsenenalter immer recht zu machen
Man darf bei der Erziehung seiner Kinder keinerlei Fehler machen. Man fühlt sich deshalb für jeden Fehler seiner Kinder mitverantwortlich – auch wenn die Kinder größer und daher für vieles selbst verantwortlich sind.
Man darf sich beruflich keinerlei (größere) Fehler erlauben. Man arbeitet deshalb härter und mehr als man müsste, evtl. bis zum Burnout.
Man müsse in allen Situationen ein guter und verständnisvoller Mensch sein. Man geht daher in zwischenmenschlichen Beziehungen allen möglichen Konflikten aus dem Wege und hält seine abweichenden Interessen bis zur Selbstaufgabe zurück.

Das Grundproblem besteht in der unbewussten Verquickung von unerwünschtem Ergebnis und persönlicher Absicht! Dies könnte daher stammen, wenn man als Kind für Fehler getadelt wurde, so als hätte man diese absichtlich begannen. Man ist daher der Ansicht, ungewünschte Ergebnisse müssten automatisch auch immer bösen Absichten entspringen. Was im Extremfall durchaus vorkommen kann, ist aber im normalen Leben meistens nicht so. Man kann in allen Situationen nur entsprechend seiner momentanen Möglichkeiten handeln. Ob etwas ein Fehler ist, stellt sich meistens erst hinterher heraus. Hinterher ist man immer schlauer. Man kann es grade nicht anders und besser.

Man verfolgt also grundsätzlich immer gute Absichten, auch wenn man Fehler macht!

Grundsätzlich in guter Absicht zu handeln bedeutet jedoch nicht, dass man immer im Sinne seiner Mitmenschen handeln könnte! Es gibt in Beziehungen zwar viele Gemeinsamkeiten, jedoch hat jeder Mensch auch unterschiedliche Vorstellungen. Wenn man also, z.B. anders als seine Eltern leben möchte, dann tut man dieses nicht in böser Absicht seine Eltern zu verärgern, sondern, weil man etwas anderes für sich selbst als stimmiger empfindet. Wenn man etwas anderes als sein Umfeld möchte, dann will man damit niemand schaden. Unterschiedliche Interessen müssen ohne die Unterstellung von bösen Absichten und der Erzeugung von Schuldgefühlen frei verhandelbar sein.

Zuallererst gilt es jedoch sich selbst gegenüber Gerechtigkeit walten zu lassen. Man sollte nicht alle „Verfehlungen“ gleichschwer auf die schuldenhafte Waagschale legen. Wenn man Menschen unabsichtlich kränkt, dann kann man nichts dafür. Genauso wird man sicherlich oft von anderen Menschen ohne Absicht gekränkt. Man verzeiht diesen aber bestimmt eher als sich selbst. Für sich selbst sollten, wie bei einer neutralen Schuldeinschätzung vor Gericht, die gleichen Maßstäbe gelten. Vorsatz ist etwas anderes als unabsichtliche Taten im Affekt. Körperliche und materielle Schädigungen wiegen schwerer als unüberlegte Worte. Mit dem eigenen Auto zu schnell durch eine Blitze zu fahren hat andere Konsequenzen als dies mit einem gestohlenen Auto zu tun usw. Und schließlich gehören zwischenmenschliche Konflikte zum Leben dazu und nicht jeder kleine Zwist endet im Mord. Es gilt bei normalen menschlichen Unzulänglichkeiten „die Kirche im Dorf“ zu belassen und sich nicht in ungerechtfertigter Weise in Selbstvorwürfen zu suhlen.

Wer völlig frei jeder Schuld ist, der werfe den ersten Stein.

12. April 2018Permalink